Editorial
Eine stetige Herausforderung für die Arbeit in den Digital Humanities ist es, geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsfragen mit computergestützten Methoden zu bearbeiten, ohne dabei die der geisteswissenschaftlichen Praxis eigene kritische Reflexion aufzugeben. Die algorithmische reflektierte Textanalyse, wie sie in dieser Sonderausgabe des forTEXT Journals im Mittelpunkt steht, bietet einen methodisch fundierten Ansatz, um diese Brücke zu schlagen.
Reflektierte Textanalyse bezeichnet die Bearbeitung geistes- oder sozialwissenschaftlicher Fragestellungen mithilfe methodisch kontrollierter, manueller und/oder automatischer Erkennung von relevanten Konzepten in Texten. Dieser Ansatz verlangt eine kritische Auseinandersetzung mit den Annahmen, die sowohl die Fragestellungen und ihre disziplinären Kontexte als auch die eingesetzten technischen Methoden leiten. Die Operationalisierung von Konzepten, die Entwicklung von Annotationsrichtlinien, die Auswahl geeigneter Korpora und die Interpretation quantitativer Befunde – all diese Schritte erfordern ein Bewusstsein für die disziplinären und methodischen Vorannahmen und Implikationen.
Der hier vorgestellte Ansatz wurde und wird im Rahmen des Centers for Reflected Text Analytics (CRETA) entwickelt und erprobt. CRETA ist 2016 als Drittmittelprojekt gestartet und verfolgt seine vielfältigen Kooperationen, Ansätze und Ideen inzwischen als „dezentrales Zentrum“ und eingetragener Verein weiter.1 Die Ziele von CRETA sind, technische Methoden und Arbeitsabläufe zur Textanalyse fachübergreifend für die Literatur-, Sprach-, Geschichts- und Sozialwissenschaften sowie die Philosophie nutzbar zu machen. Die in dieser Ausgabe versammelten Lehrkonzepte greifen diese Erfahrungen auf und zeigen, wie reflektierte Textanalyse in unterschiedlichen Lehr-Lern-Kontexten mit einem Fokus auf die Literaturwissenschaften vermittelt werden kann.
Gerade für die Lehre erweist sich reflektierte Textanalyse als besonders geeignet: Der Ansatz ist modular aufgebaut und kann so an unterschiedliche Vorkenntnisse und Lernziele angepasst werden. Er fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit und schafft Transparenz über methodische Entscheidungen (Methodenkritik). Zudem verbindet er praxisorientiertes Arbeiten mit theoretischer Reflexion und macht die oft impliziten Schritte der Forschungspraxis explizit und damit lehr- und lernbar, wie die Erfahrungen in zahlreichen Lehrveranstaltungen zeigen.
Im Anschluss an einen Methodenbeitrag, der in die Grundlagen reflektierter Textanalyse einführt, präsentieren die Beiträge dieser Ausgabe nachnutzbare Lehrkonzepte und methodische Ansätze, die in verschiedenen Hochschulkontexten erprobt wurden. Sie zeigen, wie reflektierte Textanalyse in unterschiedlichen Studiengängen und Fachsemestern vermittelt werden kann und welche Schwerpunkte dabei – je nach Vorkenntnissen und Lernzielen – gesetzt werden können. Alle Konzepte sind so dokumentiert, dass sie von anderen Lehrenden adaptiert und in eigenen Kontexten eingesetzt werden können.
Wir hoffen, dass die hier versammelten Beiträge nicht nur konkrete Anregungen für die eigene Lehre bieten, sondern auch zu weiteren Diskussionen darüber anregen, wie methodische Reflexion in den Digital Humanities vermittelt und praktiziert werden kann. Die reflektierte Textanalyse ist ein Ansatz, der fortlaufender Weiterentwicklung bedarf – in der Forschung ebenso wie in der Lehre. Mit dieser ersten Sonderausgabe des forTEXT Journals möchten wir einen Beitrag zu diesem Prozess leisten.
Wir danken allen Autor*innen für ihre Beiträge und ihr Engagement, den Gutachter*innen für ihre konstruktiven und hilfreichen Rückmeldungen sowie der Redaktion des forTEXT Journals für die gute Zusammenarbeit und Unterstützung bei der Realisierung dieses Projekts.
Axel Pichler und Nils Reiter
Beitragsübersicht
Die Publikation der Beiträge erfolgt als Rolling Issue. Die einzelnen Beiträge werden also nach Abschluss des Open-Peer-Reviewprozesses sukzessive veröffentlicht und damit schneller für die Community verfügbar sein.
Reflektierte Textanalyse (Methodenbeitrag)
von Axel Pichler und Nils Reiter
Der Methodenbeitrag definiert und erläutert reflektierte algorithmische Textanalyse als systematischen Arbeitsablauf der computergestützten Textanalyse. Der Beitrag führt durch alle Schritte des Verfahrens – von Korpuserstellung und Preprocessing über Operationalisierung, Annotationsschema-Entwicklung und kollaborative Annotation bis zu Training/Fine-Tuning von Sprachmodellen und Interpretation von Befunden. Ein literaturwissenschaftliches Anwendungsbeispiel (soziale Determinierung von Figuren in naturalistischen vs. modernen Romanen) illustriert das modularisierte Vorgehen. Der Beitrag verortet das Verfahren in empirischer und analytischer Literaturwissenschaft, diskutiert seinen Mehrwert durch textnahe Reflexion des Begriffsgebrauchs und bildet damit die theoretisch-methodische Grundlage für die nachfolgenden Lehrkonzepte der Ausgabe.
Thematologie und Topic Modeling
von Janina Jacke
Der Beitrag beschreibt ein Lehrkonzept für ein Bachelorseminar in der Literaturwissenschaft, das in literarische Themenforschung (Thematologie) einführt und dabei verschiedene digitale Textanalysemethoden erprobt. Das 14-wöchige Seminar (je 90 Minuten) für ca. 20 fortgeschrittene BA-Studierende kombiniert Konkordanz- und Kookkurrenzanalyse (AntConc), manuelle Annotation (CATMA) und Topic Modeling (DARIAH Topics Explorer). Die Besonderheit des Lehrkonzepts ist der niedrigschwellige Ansatz, für den keine Programmierkenntnisse erforderlich sind: Studierende wählen selbst literarische Texte und thematologische Fragestellungen und experimentieren ergebnisoffen mit den Methoden. Die Orientierung am CRETA-Workflow ermöglicht kritische Reflexion der Potenziale und Grenzen digitaler Verfahren für literaturwissenschaftliche Erkenntnisinteressen.
Reflektierte algorithmische Netzwerkanalyse
von Mareike Schumacher und Nora Ketschik
Der Beitrag präsentiert ein Lehrkonzept zur sozialen Netzwerkanalyse für Masterstudierende der Digital Humanities, das explorativen Erkenntnisgewinn mit reflektierter Operationalisierung verbindet. Das 16-wöchige Präsenzseminar (je 90 Minuten) für 10-15 Studierende führt von netzwerktheoretischen Grundlagen über DH-Anwendungsfälle zur eigenständigen Erstellung, Visualisierung und Auswertung von Netzwerkdaten. Mit dem Tool Gephi erstellen Studierende eigene Netzwerkvisualisierungen und setzen das Gelernte in Referaten und Seminararbeiten um. Besonderheiten sind die theoretische Rahmung mit Fokus auf Operationalisierung geisteswissenschaftlicher Phänomene, die Integration studentischer Forschungsinteressen sowie die Anpassbarkeit an heterogene Fachhintergründe (Literatur-, Geschichts-, Kunstwissenschaft, Linguistik). Das Lehrkonzept befähigt Studierende, den CRETA-Workflow der reflektierten Textanalyse auch auf andere Methoden zu übertragen.
Kafkas Figuren in der reflektierten Erzähltextanalyse
von Haimo Stiemer und Evelyn Gius
Der Beitrag stellt ein Lehrkonzept für literaturwissenschaftliches Hauptseminar vor, das klassische Narratologie mit computergestützter Annotation verbindet. Studierende analysieren Figurenhandlungen und -konstellationen in sechs Kafka-Erzählungen anhand des Aktantenmodells von Greimas und der „Characters in Action“-Annotationsrichtlinien. Das 15-wöchige Präsenzseminar kombiniert Plenumssitzungen, Arbeitsgruppenprojekte und wöchentliche Aufgaben (Leseprotokolle, Annotationen) über Moodle. Mit dem Tool CATMA werden manuelle Annotationen erstellt und visualisierungsbasiert ausgewertet; ergänzend werden automatische Klassifikatoren zur Figurenerkennung vorgestellt. Der modulare Aufbau in vier Phasen (Grundlagen, Anwendung, Präsentation, Reflexion) vermittelt den gesamten CRETA-Workflow und fördert methodische Reflexionsfähigkeit bei der computergestützten Textanalyse.
Notes
- https://www.cretaverein.de [^]