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Lehrkonzept

Seminar: Kafkas Figuren in der reflektierten Erzähltextanalyse


Keywords: CRETA-Seminar, Manuelle Annotation, Figurenanalyse, Automatische Erkennung, Narratologie, Handlung, Plot, Greimas, Reflektierte Textanalyse, Lehrkonzept

How to Cite:

Stiemer, Haimo Paul und Evelyn Gius. 2026. Seminar: Kafkas Figuren in der reflektierten Erzähltextanalyse. Hg. von Axel Pichler und Nils Reiter. forTEXT 3, Nr. 1. Sonderausgabe: Reflektierte Textanalyse in der Hochschullehre (4. Mai): 1–20. doi:10.48694/fortext.4265.

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2026-05-04

Peer Reviewed

Abstract

Das Seminar „Kafkas Figuren in der reflektierten Erzähltextanalyse” verbindet klassische Narratologie mit der Methode der computationellen Annotation. Studierende analysieren sechs Erzähltexte von Franz Kafka anhand von Figurenhandlungen, -konstellationen und Handlungsstrukturen. Sie nutzen das CATMA-Tool zur manuellen Annotation, bekommen Gelegenheit, sich mit automatischer Annotation auseinanderzusetzen und reflektieren den Analyseprozess entlang des CRETA-Workflows. Im Fokus stehen die Vermittlung narratologischer Modelle und Kategorien, die Einübung von annotationsgestützten Interpretationen sowie die kritische Auseinandersetzung mit Visualisierungen und automatisierten Verfahren. Das Konzept ist entsprechend auch auf andere Korpora übertragbar.

Inhalt

  1. Einführung

  2. Gesamtablauf

  3. Tabellarische Sitzungsübersicht

  4. Sitzungen im Detail

  5. Reflexion

1 Einführung

Das im Folgenden vorgestellte Lehrkonzept zum Seminar „Kafkas Figuren in der reflektierten Erzähltextanalyse” wurde im Wintersemester 2024/2025 an der Technischen Universität Darmstadt als literaturwissenschaftliches Hauptseminar angeboten. Das wesentliche Ziel des Seminars besteht in der Auseinandersetzung mit den Erzählstrategien Kafkas am Beispiel der Figurenhandlungen, -konstellationen und Handlungsstrukturen in seinen Erzählungen. Zu diesem Zweck sollen auf methodisch-theoretischer Ebene sowohl narratologische Konzepte der Figuren- und Handlungsanalyse vermittelt und angewendet als auch Annotationen sowie annotationsbasierte Textinterpretationen mit dem Annotations- und Analysetool CATMA (Gius u. a. 2025) eingeübt werden.

Das Seminar ist an der Schnittstelle zwischen klassischer (respektive narratologischer) und computationeller Literaturwissenschaft angesiedelt. In konzeptioneller Hinsicht orientiert es sich an dem am Stuttgarter Center for Reflected Text Analytics (CRETA) entwickelten Workflow für digital-geisteswissenschaftliche Textanalysen (Reiter, Pichler und Kuhn 2020; vgl. auch Pichler und Reiter 2026 in dieser Ausgabe). Dieser Ansatz stellt eine strukturierte Vorgehensweise dar, mit der geisteswissenschaftliche Forschungsfragen in einzelne, algorithmisch bearbeitbare Analyseschritte – von der Konzeptualisierung und Annotation bis zur automatischen Auswertung – übersetzt werden. Für das vorgestellte Seminar wurde dieser Ansatz mit Blick auf das erwartete Kompetenzspektrum der Studierenden modifiziert. Der CRETA-Workflow fördert dabei eine reflektierte Verbindung von quantitativer Analyse und interpretativer Deutung, indem technische Verfahren und geisteswissenschaftliches Fachwissen im gesamten Forschungsprozess bewusst aufeinander bezogen werden. Die Studierenden sollen sich vor diesem Hintergrund Kompetenzen in der Operationalisierung disziplinärer Fragestellungen, im Umgang mit Annotationsrichtlinien sowie in der Interpretation quantitativer und qualitativer Befunde aneignen. Zudem sollen sie ihre methodische Reflexionsfähigkeit bei der Durchführung und Qualitätssicherung computationeller Textanalysen stärken.

Im Lehrangebot der TU Darmstadt wurde das Seminar dem Modul „Literatur- und Kulturwissenschaft” zugeordnet und orientierte sich damit zugleich an der entsprechenden Modulbeschreibung, nach der eine vertiefte Analyse und Interpretation von Texten in Bezug auf z. B. Gattung, Diskurs oder Werk einer Autor*in bei gleichzeitiger „Einarbeitung in literaturtheoretische und literaturhistorische Modelle und Fragestellungen” zu erfolgen hat. Vorgesehen ist in dem Modul außerdem die „Anwendung und [der] Umgang mit literaturwissenschaftlichen Methoden der Einzeltextinterpretation anhand der Lektüre von methodengeleiteten Interpretationen und dem Erarbeiten eigener Analysen” (Sprach- und Literaturwissenschaft 2019). In dem damit vorgegebenen Rahmen werden im Seminar zunächst narratologische Theorieangebote zur Analyse von literarischen Figuren und der Handlung in Erzähltexten vorgestellt und diskutiert, wofür auf das Lehrbuch von Lahn und Meister (2016) und das Living Handbook of Narratology (Jannidis 2012; Kukkonen 2014) zurückgegriffen wird. Für die eigenen Analysen der Studierenden werden das Aktantenmodell von Greimas (1987), welches narrative Strukturen über die sechs funktionalen Rollen Subjekt, Objekt, Sender, Empfänger, Helfer und Gegner modelliert und damit die relationalen Dynamiken von Handlungskonstellationen systematisiert, sowie die im fortext lab entwickelten, auf einem Konzept der Figuren-Agentivität basierenden Annotationsrichtlinien „Characters in Action” (ChiA)1 appliziert.

Die für die Seminarteilnahme nötigen Vorkenntnisse beschränken sich auf die literaturwissenschaftlichen Grundkenntnisse, die in den adressierten Studiengängen in einem Hauptseminar erwartet werden. Die weiteren erforderlichen technischen und literaturwissenschaftlichen Kenntnisse werden im Seminar vermittelt: Hierzu zählt auch der Umgang mit dem Annotationstool CATMA, welches im Rahmen des Seminars eingeführt und dessen Anwendung, auch mit einer Sprechstunde einer Tutor*in, fortwährend begleitet wird. Die Studierenden benötigen für die Nutzung von CATMA einen Laptop, den sie in den meisten Sitzungen mitbringen sollen.

Das Seminar fand als wöchentliche zweistündige Lehrveranstaltung über das ganze Semester von insgesamt 15 Wochen hinweg in Präsenz statt und wurde von zwei Lehrenden abgehalten, die sich in der Verantwortlichkeit für die Einzelsitzungen abwechselten. Das Seminar wurde für die Studiengänge Germanistik (Joint BA), Digital Philology (BA), Deutsch (Lehramt Gymnasium), Literary and Linguistic Computing (MA) und Data and Discourse Studies (MA) angeboten und von 17 Studierenden besucht, von welchen der Großteil, 70 Prozent, Deutsch auf Lehramt studierte. Die erfolgreiche Teilnahme am Seminar setzte zum einen die vollständige Bearbeitung der über die Lernplattform (Moodle) bereitgestellten Aufgaben zu den einzelnen Seminarsitzungen voraus. Diese umfassten je nach Sitzung die Anfertigung eines Leseprotokolls zu einem theoretischen Text, das Verfassen einer Handlungszusammenfassung oder die Rekonstruktion eines aktantialen Schemas (i. S. von Greimas) zu einer Erzählung Kafkas. Zum anderen waren die Mitarbeit in einer Arbeitsgruppe sowie die Abgabe eines Portfolios am Ende des Semesters obligatorisch. Der Umfang des Portfolios betrug in Abhängigkeit von den ECTS-Punkten, die die Studierenden für die Veranstaltung erwerben konnten, 5 (5 ECTS-Punkte) bzw. 10 Seiten (10 ECTS-Punkte).

In dem Seminarkorpus befinden sich insgesamt sechs Erzählungen Kafkas, die von allen Studierenden zu lesen sind und zu denen spezifische Aufgaben gestellt werden. Die relativ kurzen Texte Ein Landarzt (Kafka 1995 [1918]), Ein Hungerkünstler (Kafka 1995 [1922]) und Ein Bericht für eine Akademie (Kafka 1995 [1917]) werden im einführenden Teil des Seminars gelesen, während die größeren Erzählungen – Das Urteil (Kafka 1995 [1913]), In der Strafkolonie (Kafka 1995 [1919]), Die Verwandlung (Kafka 1995 [1915]) – jeweils von einer Arbeitsgruppe bearbeitet werden. Den Arbeitsgruppen wird aufgegeben, die Texte nach den „Characters in Action”-Richtlinien (ChiA) zu annotieren und die entsprechenden Annotationsdaten zu interpretieren. Die Ergebnisse werden in einzelnen, im Seminarplan ausgewiesenen Sitzungen präsentiert und im Plenum diskutiert.

Für die Umsetzung der Lehrveranstaltung ist ein Beamer, in den Sitzungen mit CATMA-Nutzung zudem eine Internetverbindung nötig. Alle obligatorischen Texte werden über die Moodle-Plattform zur Verfügung gestellt, ebenso die digitalen Foliensätze der Lehrenden. In den einzelnen Sitzungen werden die vorab von den Studierenden bearbeiteten Aufgaben vertieft, wobei die Lösungen bzw. Erarbeitungen der Studierenden bis zum Vortag der Seminarsitzung um 12 Uhr auf Moodle hochgeladen werden sollen.

2 Gesamtablauf

Neben der Auseinandersetzung mit den Erzählstrategien Kafkas am Beispiel der Figurengestaltung ist Ziel des Seminars, dass die Studierenden einen Forschungsprozess, der dem der „reflektierten Textanalyse” (Pichler und Reiter 2020) entspricht, nachvollziehen und größtenteils auch umsetzen. So sollen sie einen typischen Ablauf computergestützter Textanalyse kennenlernen. Der Fokus liegt dabei auf dem manuellen Annotieren und dem Umgang mit den entsprechenden Analysekategorien. Aber auch die darauf in Forschungskontexten aufbauende Automatisierung der Annotation soll beleuchtet werden. Dieser Teil wurde im Wintersemester 2024/2025 allerdings nicht von den Studierenden selbst, sondern von dem Lab der Lehrenden umgesetzt und in einer Seminarsitzung vorgestellt. Ziel war es, das Potenzial eines automatischen Classifiers exemplarisch zu demonstrieren und die Studierenden durch die gemeinsame qualitative Auswertung fehlerhafter Systemausgaben für die Grenzen automatischer Annotation zu sensibilisieren.

Der Ablauf des Seminars gliedert sich in vier Phasen: In der ersten Phase (Sitzungen 1 bis 3) werden die grundlegenden thematischen (Autor und historischer Kontext), theoretischen (narratologische Kategorien und Modelle) sowie methodischen (CATMA) Grundlagen vermittelt. Dies geschieht mit dem Vorsatz, den Studierenden einen ersten Einblick in das narratologische Spektrum der Figurenanalyse zu ermöglichen und sie mit dem Annotationstool CATMA vertraut zu machen. Begleitend dazu reflektieren die Studierenden ihre Lektüreerfahrungen mit dem Text Ein Landarzt (Kafka 1995 [1918]), insbesondere im Hinblick auf die in der Forschung intensiv diskutierte Polysemie in Kafkas Erzählungen.

Die zweite Phase des Seminars (Sitzungen 4 bis 7) widmet sich der Einführung und ersten Anwendung der für das Seminar vorgesehenen narratologischen Modelle bzw. Verfahren der Handlungsanalyse, des Aktantenmodells von Greimas (1987) sowie der im fortext lab entwickelten Annotationsrichtlinien „Characters in Action”. Damit sollen die Studierenden sowohl ein vertieftes Verständnis für das Zusammenspiel von Figuren und Handlung in Erzähltexten entwickeln als auch mit dem Analyseschema für die Arbeitsgruppenprojekte vertraut werden. Ergänzend dazu werden die Kompetenzen im Umgang mit dem CATMA-Tool weiter ausgebaut – sowohl im manuellen Annotieren als auch in der visualisierungsbasierten Auswertung der Annotationen. Nach der Zusammenstellung der Arbeitsgruppen in der vierten Sitzung ist diese Phase zudem für die eigenständige Durchführung der Gruppenprojekte außerhalb der Seminarsitzungen vorgesehen. Auftretende Schwierigkeiten sollen den Lehrenden mitgeteilt und gegebenenfalls im Plenum besprochen werden.

In der dritten Seminarphase (Sitzungen 8 bis 11) stellen die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vor. Zur Vorbereitung sollen alle Studierenden die Texte lesen und ein aktantiales Schema nach Greimas zur jeweils behandelten Erzählung entwickeln. Somit können in den Sitzungen die annotationsbasierten, textnahen Interpretationsangebote der Arbeitsgruppen mit den auf einer abstrakteren Ebene angesiedelten Textrepräsentationen des Aktantenmodells diskutiert und verglichen werden.

Die letzten Sitzungen (12 bis 15) und damit die vierte Phase sind der methodologischen Reflexion vorbehalten. Die Studierenden werden angehalten, den im Seminar nachvollzogenen Analyseweg in seinen einzelnen Schritten kritisch zu hinterfragen und ihn im Lichte des CRETA-Konzepts zur reflektierten algorithmischen Textanalyse zu diskutieren. Dabei rücken auch die Entwicklung von Forschungsfragen im Spannungsfeld zwischen Korpusauswahl und Annotationskategorien sowie die Voraussetzungen einer visualisierungsbasierten Textinterpretation in den Fokus.

3 Tabellarische Sitzungsübersicht

Sitzung Modus Thema Inhalt (Lern-)ziel(e) Vorbereitung für Studierende Lehrvorbereitung Arbeitsauftrag
1 Präsenz Einführung: Was ist reflektierte Textanalyse? Überblick über das Semester und Vorstellung des CRETA-Ansatzes; Reflexion der bisherigen Kafka-Lektüren der Studierenden; Diskussion zur Polsysemie in Kafkas Texten; Klärung organisatorischer Fragen Einblick in den Workflow der reflektierten Textanalyse; Sensibilisierung für die Herausforderungen bei der Interpretation von Kafka-Erzählungen - Forschungspositionen zur Mehrdeutigkeit in Kafkas Texten, z. B. Hiebel (1999), Jahraus (2015), Engel und Auerochs (2010); zur reflektierten Textanalyse: Reiter, Pichler und Kuhn (2020) Lektüre von Hansen (2016) und Ein Landarzt (Kafka 1995 [1918]); Abgabe 1: Formulierung von drei Thesen zur Hauptfigur auf Basis von Hansens Figurenmodell bis Vortag Sitzung 2
2 Präsenz Narratologie: Figurenanalyse Diskussion narratologischer Figurenmodelle; Anwendung des Modells von Hansen (2016) auf Kafkas Ein Landarzt; Seminargespräch zu Figurencharakterisierung in Ein Landarzt (Kafka 1995 [1918]) Verständnis narratologischer Figurenkonzepte; Anwendung narratologischer Theorie auf literarische Texte Lektüre von Hansen (2016) und Kafka (1995 [1918]) Lektüre von Martínez und Scheffel (2016, 147–153) Lektüre von Jacke (2024) und Rezeption von forTEXT (2019c); forTEXT (2019b); forTEXT (2019a); forTEXT (2020b); forTEXT (2020a)
3 Präsenz Annotation mit CATMA und Annotationsrichtlinien I Einführung in das Annotationstool CATMA (www.catma.de); erste Annotationsübungen mit einfachem Tagset; Bildung der Arbeitsgruppen Technisches Verständnis für manuelle Annotation mit CATMA entwickeln; Grundlagen der textbasierten Annotation erlernen Lektüre von Jacke (2024) und Rezeption von forTEXT (2019c), forTEXT (2019b), forTEXT (2019a), forTEXT (2020b), forTEXT (2020a) Tagset-Erstellung (mit den tags showing und telling) für tentative CATMA-Übung im Seminar Lektüre von ChiA-Richtlinien und Ein Hungerkünstler (Kafka 1995 [1922]); Abgabe 2: Annotation der ersten 1000 Token von Kafkas Ein Hungerkünstler bis Sitzung 4
4 Präsenz Annotation mit CATMA und Annotationsrichtlinien II Diskussion der ChiA-Richtlinien; Präsentation und Diskussion von Ergebnissen und Visualisierungen aus bisherigen ChiA-Annotationsprojekten; Beratung in den Arbeitsgruppen Vertrautheit mit ChiA-Kategorien; Erweiterung Annotationstechniken Lektüre von ChiA-Richtlinien und Kafka (1995 [1922]) - Lektüre von Greimas (1987, 106–120) mit Abgabe 3: 3-2-1-Lektüreprotokoll bis Vortag Sitzung 5
5 Präsenz Aktantenmodell von Greimas Einführung Aktantenmodell nach Greimas; Klärung von Verständnisfragen in Arbeitsgruppen; Erstellung eines aktantialen Schemas von einem im Seminar bereits besprochenen Kafka-Text in Arbeitsgruppen und Präsentation der Ergebnisse im Plenum Verständnis des Aktantenmodell und dessen Anwendung auf einen literarischen Text Lektüre von Greimas (1987, 106–120) mit 3-2-1-Lektüreprotokoll Lektüre von Greimas und Courtes (1982) und Venancio (2019) Lektüre von Kukkonen (2014) mit Abgabe 4: 3-2-1-Lektüreprotokoll bis Vortag Sitzung 6
6 Präsenz Aktanten und Plot Vertiefung Zusammenhang Figuren und Handlung; Plot-Konzepte; Arbeitsgruppenberichte zum jeweiligen Projektstand Unterscheidung Plot/Story/Handlung; kritische Reflexion des Aktantenmodells Lektüre von Kukkonen (2014) mit 3-2-1-Lektüreprotokoll Lektüre von Dannenberg (1995) Lektüre von Ein Bericht für eine Akademie (Kafka 1995 [1917]); Abgabe 5: Annotierte Handlungszusammenfassung der Lektüre nach ‚Plot Summary Guide‘ (siehe Anhang) bis Vortag Sitzung 7; Arbeitsgruppe ‚Das Urteil‘: Gliederung vorbereiten und bis zur nächsten Sitzung mit Dozierenden besprechen
7 Präsenz Ein Bericht für eine Akademie & CATMA Seminar-Zwischenbilanz anhand des Akademie-Textes; Diskussion der mit Greimas annotierten Handlungszusammenfassungen; Diskussion zur Handlungsmacht des Protagonisten des Akademie-Textes Anwendung von Aktanten-Annotationen auf neuen Text; Kombination von qualitativer Analyse mit CATMA-Auswertung Lektüre von Kafka (1995 [1917]) Lektüre von Blank (2010); Abfragen im Analyze-Tool von CATMA für die Exploration von Handlungsmacht vorbereiten Lektüre von Das Urteil Kafka (1995 [1913]); Abgabe 6: Annotierte Handlungszusammenfassung der Lektüre bis Vortag Sitzung 8; Arbeitsgruppe ‚In der Strafkolonie‘: Gliederung vorbereiten und bis zur nächsten Sitzung mit Dozierenden besprechen
8 Präsenz Arbeitsgruppen-Ergebnisse I: Das Urteil Arbeitsgruppen-Präsentation zu Das Urteil Seminardiskussion zu den Annotationsergebnissen der Gruppe und Vergleich mit annotierter Handlungszuammenfassung Präsentation eigener Analyseergebnisse und kritische Reflexion; Vergleich von methodischen Analyseebenen Lektüre von Kafka (1995 [1913]) Lektüre von In der Strafkolonie (Kafka 1995 [1919]); Abgabe 7: Annotierte Handlungszusammenfassung der Lektüre bis Vortag Sitzung 9
9 Präsenz Arbeitsgruppen-Ergebnisse II: In der Strafkolonie Arbeitsgruppen-Präsentation zu In der Strafkolonie; Seminardiskussion zu den Annotationsergebnissen der Gruppe und Vergleich mit aktantialem Schema Siehe Sitzung 8 Lektüre von Kafka (1995 [1919]) - Arbeitsgruppe ‚Die Verwandlung‘: Gliederung vorbereiten und bis zur nächsten Sitzung mit Dozierenden besprechen
10 Präsenz Automatische Erkennung Einführung in automatische Erkennung am Beispiel des Animacy-Projekts (Häußler, von Keitz, Janis und Gius 2024); Vorstellung des anhand Seminardaten trainierten Classifiers zu Figurennennungen und -handlungen (ChiA); Qualitative Auswertung der maschinellen Annotationen Kritisches Verständnis automatisierter Textanalyse; Vergleich maschineller und manueller Verfahren - Lektüre von Häußler, von Keitz, Janis und Gius (2024); eigens für die ChiA-Daten der Arbeitsgruppen trainiertes Modell vorbereiten Lektüre von Die Verwandlung (Kafka 1995 [1915]); Abgabe 8: Annotierte Handlungszusammenfassung der Lektüre bis Vortag Sitzung 11
11 Präsenz Arbeitsgruppen-Ergebnisse III: Die Verwandlung Arbeitsgruppen-Präsentation zu Die Verwandlung; Seminardiskussion zu den Annotationsergebnissen der Gruppe und Vergleich mit annotierter Handlungszuammenfassung Siehe Sitzung 8 Lektüre von Kafka (1995 [1915]) Lektüre Poppe (2010) -
12 Präsenz Visualisierungen mit CATMA I Visualisierungen in Literaturwissenschaft (klassisch vs. digital); Vorstellung Visualisierungsformen mit CATMA; Kritische Diskussion visualisierter Daten Verständnis für Funktionen von Visualisierungen; Reflexion digitaler Visualisierungsmethoden - Lektüre von Moretti (2005); Vorbereitung zu Visualisierungsformen in der klassischen, nicht-digitalen Literaturwissenschaft (z.B. Gustav Freytags Pyramidenschema des fünfaktigen Dramas, die Darstellung literarischer Epochen auf einem Zeitstrahl sowie dem hermeneutische Zirkel) -
13 Präsenz Visualisierungen mit CATMA II Analyse von Distributionsgraphen und diskussionsgestützte Erstellung Leitfaden Graphen-Interpretation; Gruppenarbeit zu Visualisierungen und Interpretation; Präsentation und Diskussion im Plenum Interpretation quantitativer Visualisierungen; Ableitung literaturwissenschaftlicher Erkenntnisse aus Daten - Am Ende der vorangegangenen Sitzung erhobenes Feedback systematisieren und Präsentation vorbereiten Lektüre von Gius (2019) mit Abgabe 9: 3-2-1-Lektüreprotokoll bis Vortag Sitzung 14
14 Präsenz Reflexion zur computationellen Textanalyse Theorie-Reflexion zur computationellen Textanalyse und Qualitätssicherung; Diskussion des Textes von Gius (2019) und Anwendung auf vorgegebene Forschungsfragen Kritische Reflexion digitaler Forschungsprozesse Lektüre von Gius (2019) mit 3-2-1-Lektüreprotokoll Präsentation zu Gius (2019) vorbereiten Ideen für Prüfungsleistung sammeln
15 Präsenz Abschluss-Sitzung und Besprechung Hausarbeiten Zusammenfassung der Seminarinhalte; Feedbackrunde; Besprechung der Prüfungsleistungen im Portfolioformat - Überlegungen zur eigenen Portfolio-Prüfungsleistung - -

4 Sitzungen im Detail

Sitzung 1: Einführung: Was ist reflektierte Textanalyse?

Die erste Sitzung verbindet die Präsentation des Seminarplans mit einer kursorischen Einführung in den thematischen Gegenstandsbereich des Seminars sowie in die Grundideen der reflektierten Textanalyse. Der eröffnende Input der Lehrperson mündet in eine interaktiv angelegte Reflexion zu den bisherigen Kafka-Lektüreerfahrungen der Studierenden. Die Lehrperson bringt hierbei auch ausgewählte Forschungspositionen in die Diskussion ein, welche das Problem der Polysemie bzw. Mehrdeutigkeit der Texte Kafkas behandeln (u. a. Jahraus 2015; Engel und Auerochs 2010). Da sich die vielfältigen Bedeutungsebenen in Kafkas Texten nur schwer eindeutig auflösen lassen, führt die Polysemie häufig zu divergierenden Interpretationen und erschwert eine systematische Analyse. Die Lehrperson nimmt dies als Anlass, einen dezidiert die Textoberfläche anvisierenden Analyseansatz nicht nur als notwendige Grundlage für algorithmische Verfahren, sondern auch als alternativen Ansatz für eine objektivierende Textbetrachtung und -interpretation herauszustellen. Außerdem werden die Lektüreerfahrungen der Studierenden genutzt, um auf die grundsätzliche Bedeutung und Funktion von Figuren in Erzähltexten hinzuweisen. Die Darlegung des CRETA-Ansatzes (Reiter, Pichler und Kuhn 2020; vgl. auch Pichler und Reiter 2026 in dieser Ausgabe) nimmt den zweiten Teil der Einführungssitzung in Anspruch und wird abermals in Form eines Vortrags durch die Lehrperson bestritten. Angestrebt wird dabei, das Aufmerksamkeitsverhalten der Studierenden auf die methodologische Reflexion der eigenen Seminaraktivitäten zu orientieren und einen ersten Eindruck von dem CRETA-Workflow sowie den Arbeitsabläufen im Semester zu vermitteln. Die verbleibende Sitzungszeit dient organisatorischen Zwecken, u. a. der Bekanntgabe der im Seminar zu erbringenden Prüfungsleistungen.

Sitzung 2: Narratologie (Figurenanalyse)

Zur Vorbereitung auf die zweite Sitzung lesen die Studierenden das Kapitel IV.3.3 „Figuren” von Per Krogh Hansen aus dem Lehrbuch Einführung in die Erzähltextanalyse von Lahn und Meister (2016) sowie Franz Kafkas Ein Landarzt (Kafka 1995 [1918]). Darauf aufbauend sind vor der Seminarsitzung drei Thesen zur Charakterisierung der Hauptfigur zu formulieren, die auf dem im Lehrbuch explizierten Figurenmodell Hansens basieren.

Die Lehrperson eröffnet die zweite Sitzung mit einem Rekurs auf die in der Eröffnungssitzung diskutierte grundsätzliche Funktion von Figuren für und in Erzähltexte(n). Die in der Präsentation der Lehrperson festgehaltenen Diskussionspunkte werden nun mithilfe des Lehrbuchkapitels „Figuren” von Per Krogh Hansen (Hansen 2016) ausdifferenziert bzw. detailliert und den verschiedenen narratologischen Theorieperspektiven zugeordnet (strukturalistische-funktionale, kognitive, poststrukturalistische Ansätze der Figurenanalyse). Die gemeinsame Erarbeitung einer Übersicht über das Theoriespektrum mündet in die Diskussion des Figurenmodells von Hansen, welches von der Unterscheidung zwischen telling und showing als Darstellungsmodus der Figurencharakterisierung ausgeht und die Figurendarstellung über drei Strukturebenen – Oberflächenstruktur, mittlere Struktur und Tiefenstruktur – beschreibt. Hansens Figurenmodell soll von den Studierenden im Folgenden auf die Figuren des Landarzt-Textes angewendet werden.

Die Lehrperson orientiert das Seminargespräch dabei auf zwei Punkte: Der erste setzt die Figurencharakterisierungen auf der Textoberfläche in den Fokus. Um die Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Charakterisierung der Figuren zu strukturieren, erfolgt ein Seminargespräch, in dem die entsprechenden, in der Lehrpräsentation aufgelisteten Textstellen miteinander verglichen werden. Die daraus entstehende Oppositionsbeziehung zwischen „rot” / „rosa” / „Blut” / „Wunde” (für die Figuren Rosa und Schwerkranker) und „fremd” (für die Figuren Landarzt und Stallknecht) wird in Arbeitsgruppen diskutiert, die ebenfalls und darauf aufbauend Thesen zum übergeordneten Thema der Erzählung formulieren sollen. Nach der Vorstellung der Arbeitsgruppenergebnisse stellt die Lehrperson den Vorzug eines textnahen und quantitativ vorgehenden Ansatzes heraus und verweist auf die Möglichkeiten der manuellen Annotation von Figurenbeschreibungen im Text mit CATMA. Die in dieser Sitzung nur stichprobenhaft entnommenen Textabschnitte (hier Figurenbeschreibungen) sollen im Fortgang des Seminars systematisch mit dem Annotationstool CATMA erfasst werden. Der zweite und abschließende Punkt der Diskussion wird von der Lehrperson mit der Frage nach der Handlungsmacht der soeben analysierten Figuren eingeleitet. Die Studierenden werden gebeten, davon ausgehend mögliche Aspekte bzw. Definitionsansätze von figurengebundener Handlungsmacht zu formulieren. Die Definitionsansätze der Studierenden werden von der Lehrperson festgehalten und sie beendet die Sitzung mit dem Verweis auf den Zusammenhang von Figuren resp. Figurenhandlungen und Handlung.

Für die dritte Sitzung wird den Studierenden aufgetragen, einen einleitenden Text zur manuellen Annotation von Jacke (2024) zu lesen und sich anhand von fünf Video-Tutorials (forTEXT 2019c; forTEXT 2019b; forTEXT 2019a; forTEXT 2020b; forTEXT 2020a) mit CATMA vertraut zu machen.

Sitzungen 3 und 4: Annotation mit CATMA und Annotationsrichtlinien

Die dritte und vierte Sitzung dienen der Einführung des Annotationstools CATMA sowie der Durchführung und Einübung erster Annotationen samt der Erstellung annotationsbasierter Visualisierungen. Die/der für die CATMA-Unterstützung vorgesehene studentische Tutor*in ist bei der dritten Sitzung anwesend, um die Hilfsangebote jenseits der Seminarsitzungen zu bewerben und bei den CATMA-Übungen neben der Lehrperson auf die individuellen Fragen und Probleme der Studierenden einzugehen. Die ersten Annotationen der Studierenden finden in der dritten Sitzung mit einem provisorischen und für Übungszwecke erstellten Tagset zur Figurencharakterisierung (Differenzierung von showing und telling, ohne festgelegte Annotationsspannen) anhand des Landarzt-Textes statt. In dieser Sitzung wird ebenfalls die Zusammensetzung der für jeweils eine Textanalyse zuständigen drei Arbeitsgruppen festgelegt. Die Arbeitsgruppen sollen jenseits der regulären Seminarsitzungen die längeren Kafka-Texte mit einer selbstgewählten, die Figurenanalyse betreffenden Fragestellung bearbeiten, entsprechende Annotationen vornehmen, auswerten und ihre Ergebnisse dann im Plenum in den Sitzungen 8, 9 und 11 präsentieren. Um die auch hierfür notwendigen Annotationsprozeduren zu vertiefen, annotieren die Studierenden vor der vierten Sitzung die ersten 1000 Token des gleichfalls vollständig zu lesenden Hungerkünstler-Textes (Kafka 1995 [1922]) mit dem Test-Tagset aus der dritten Sitzung. Ebenso lesen die Studierenden für diese Sitzung die Annotationsrichtlinien „Characters in Action” (ChiA)2, deren Entstehung, Kategorien und Struktur dann ausführlich in der vierten Sitzung erläutert und diskutiert werden.

In der vierten Sitzung präsentiert die Lehrperson weiterhin ausgewählte Beispiele aus den bisherigen ChiA-Annotationsprojekten des fortext labs und gewährt dabei vertiefende Einblicke in deren Entstehung. Besonderes Augenmerk liegt auf den Herausforderungen bei der Bestimmung der Agentivität von Figuren sowie auf den Grenz- und Zweifelsfällen bei der Annotation der anderen Kategorien. Zudem kommen ausgewählte ChiA-Visualisierungen zur Sprache. Den verbleibenden Teil der Sitzung nutzen die Arbeitsgruppen für ihre die drei längeren Kafka-Texte betreffenden Projekte, wobei die Lehrperson sie beratend unterstützt. Das Seminar endet mit dem Hinweis auf die zur nächsten Sitzung von den Studierenden zu leistende Lektüre eines Kapitels aus On Meaning von Julien Algirdas Greimas (Greimas 1987, 106–120). Die Lektüreaufgabe beinhaltet auch die Erstellung eines 3-2-1-Lektüreprotokolls. Das Format des Lektüreprotokolls ist als wiederholte Vorab-Einreichung über Moodle für das gesamte Seminar standardisiert: Die Studierenden sollen die aus ihrer Sicht drei wichtigsten Aspekte des Textes nennen und kurz begründen. Weiterhin sollen die Teilnehmenden zwei Aspekte, die sie als schwierig erachten und überhaupt nicht oder nur teilweise verstanden haben, sowie eine Frage, die sie dem/der Autor*in gern stellen würden und die über den Textinhalt hinausgeht, notieren.

Sitzung 5: Aktantenmodell von Greimas

Das neben den ChiA-Richtlinien für die narratologischen Grundlagen des Seminars wichtige Aktantenmodell von Julien Algirdas Greimas steht im Zentrum der fünften Sitzung. Die Diskussion im ersten Abschnitt der Sitzung wird über die in den Lektüreprotokollen dokumentierten Verständnisprobleme der Studierenden strukturiert. Die Lehrperson präsentiert anonymisierte, wesentliche bzw. frequent in den Protokollen genannte Probleme und bittet um deren gemeinschaftliche Diskussion im Plenum.

Nach einem kurzen Input durch die Lehrperson zu Greimas und dem Aktantenmodell, welches die Lektüre des Kapitels aus On Meaning (Greimas 1987, 106–120) vertieft, findet die Diskussion zu Fragen bezüglich der Anwendung und Grenzen des Modells in den in der dritten Sitzung gebildeten Arbeitsgruppen statt. Die Arbeit in diesen Arbeitsgruppen, auch während der Seminarsitzungen, soll die Gruppendynamik fördern. Gleichzeitig sollen alle Studierenden aktiviert und individuelle Verständnisprobleme kollektiv aufgelöst werden. Nach Zusammenführung der Problemlösungen im Plenum werden die Arbeitsgruppen gebeten, ein aktantiales Modell von einem im Seminar bereits behandelten Kafka-Text zu erstellen. Die aktantialen Schemata werden dann abschließend ebenfalls im Plenum vorgestellt und diskutiert.

Auch diese Sitzung endet mit dem Hinweis auf die zur nächsten Sitzung zu erbringende Lektüreaufgabe; diesmal ist von den Studierenden Kukkonen (2014) aus dem Handbook of Living Narratology zu lesen. Auch zu diesem Text laden die Studierenden am Tag vor der Seminarsitzung ein 3-2-1-Lektüreprotokoll auf der digitalen Lehr-Lern-Plattform Moodle hoch.

Sitzung 6: Aktanten und Plot

Der in der zweiten Sitzung bereits thematisierte Zusammenhang von Figuren und Handlung wird in der sechsten Sitzung vertieft. Während als erstes die Unterschiede zwischen Plot, Story/Geschichte und Handlung sowie verschiedene Plot-Konzepte im Seminargespräch aufgearbeitet werden, erfolgt in einem zweiten Schritt der Abgleich mit dem Aktantenmodell von Greimas und die erneute Reflexion der Funktion der Figuren für die narrative Konstitution. Die letzten 20 Minuten der Sitzung sind der Erläuterung und Beantwortung der Fragen und Probleme aus den Arbeitsgruppen vorbehalten. Hierzu wird eingangs nach dem Arbeitsstand in den Arbeitsgruppen sowie den bisherigen Projekterfahrungen gefragt.

Für die nachfolgende Sitzung ist von den Studierenden Kafkas Erzählung Ein Bericht für eine Akademie (Kafka 1995 [1917]) zu lesen. Zugleich sollen sie eine von ihnen geschriebene Handlungszusammenfassung dieses Textes mit den entsprechenden Aktantenrollen annotieren. Eine genaue Anleitung sowohl für die Erstellung der Handlungszusammenfassung als auch die Annotation der Aktantenrollen wird ihnen mit dem „Plot Summary Guide” (siehe Anhang „Stiemer-Plot_Summary_Guide”) zur Verfügung gestellt.

Sitzung 7: Ein Bericht für eine Akademie & CATMA

Am Ende der zweiten Seminarphase, in der siebten Sitzung, wird in Bezug auf Theorie und Methodik beispielhaft anhand der Erzählung Ein Bericht für eine Akademie (Kafka 1995 [1917]) eine Zwischenbilanz gezogen. Ausgangspunkt hierfür sind die von den Studierenden erstellten Handlungszusammenfassungen des Textes, von denen vier von den jeweiligen Verfasser*innen vorgestellt werden. Die von der Lehrperson moderierte Diskussion der Zusammenfassungen und Aktanten-Annotationen zielt auf die für die Interpretation des Textes relevanten Unterschiede zwischen ihnen ab. Das vom Protagonisten im Text verfolgte zentrale Ziel, repräsentiert durch die Aktantenrolle des Objekts, wird erwartungsgemäß in den Zusammenfassungen der Studierenden sehr unterschiedlich besetzt. In der Diskussion werden die Voraussetzungen, Lektüreeindrücke und entscheidungsrelevanten Textstellen für die Aktantenbestimmung diskutiert und mit den bisherigen Seminardiskussionen zu den Leerstellen in Kafkas Texten (Sitzung 1) und der Figurencharakterisierung (Sitzung 3) konfrontiert. Die Lehrperson stellt im zweiten Teil der Sitzung Impulsfragen zum Text, welche die Handlungsmacht des Affen Rotpeter betreffen. Anhand von vorbereiteten Abfragen im Analyze-Tool von CATMA werden die subjektiven Lektüreerfahrungen der Studierenden hierbei mit explorativ-quantitativen Verfahren kombiniert.

Sitzungen 8, 9 und 11: Vorstellung und Diskussion der Gruppen-Ergebnisse

Mit der achten Sitzung beginnt die dritte Phase des Seminars, in der die Ergebnisse der Arbeitsgruppen präsentiert und diskutiert werden. Eingeschaltet in diese Seminarphase ist eine Sitzung zu der automatischen Erkennung von Figurennennungen und -handlungen, welche zuvor vom fortext lab anhand der Annotationsdaten der Studierenden konzipiert und vorbereitet wurde. Im Ablauf sind die Arbeitsgruppen-Seminarsitzungen identisch: Sie beginnen mit der ca. 30 Minuten dauernden Präsentation der jeweiligen Gruppe, deren Gliederung bis spätestens eine Woche vor dem Termin mit der Lehrperson in einer Sprechstunde abgestimmt wurde. Die Reihenfolge der Präsentationen im Seminarablauf orientiert sich an der Länge der von den Gruppen analysierten Texte und beginnt daher mit Das Urteil, gefolgt von In der Strafkolonie und Die Verwandlung. Alle Studierenden lesen die Texte zu der jeweiligen Sitzung und laden am Vortag der Sitzung eine annotierte Handlungszusammenfassung von dem entsprechenden Text, die auf der Grundlage des „Plot Summary Guide” (siehe Anhang „Stiemer-Plot_Summary_Guide”) erstellt wurde, bei Moodle hoch.

Sitzung 10: Automatische Erkennung

In der zehnten Sitzung werden Möglichkeiten der automatischen Erkennung von Figuren vorgestellt. Die Vorstellung umfasst zum einen ein Forschungsprojekt aus dem fortext lab, welches die automatische Erkennung und Annotation des semantischen Merkmals „Animacy” (Belebtheit) in Märchentexten zum Ziel hat (Häußler, von Keitz, Janis und Gius 2024) sowie die Vorstellung des im Projekt entwickelten Classifiers von belebten Figuren. Das Forschungsvorhaben weist eine inhaltliche Nähe zum im Seminar verwendeten ChiA-Konzept auf, das auf die Analyse von Agentivität fokussiert ist. Außerdem wird ein eigens für die ChiA-Daten der Arbeitsgruppen trainiertes Modell präsentiert und erläutert. Dazu gehört auch die Vorstellung der Ergebnisse der automatisierten Annotation der Figurenerwähnungen im Text Ein Landarzt (Kafka 1995 [1918]), welche anschließend gemeinsam mit den Studierenden einer qualitativen Analyse unterzogen werden. Im Mittelpunkt der folgenden Diskussion steht die Frage, welche textuellen Phänomene der annotierten Kategorie vom Classifier zuverlässig erkannt werden und bei welchen die Erkennungsgenauigkeit eher gering oder unzureichend ausfällt.

Sitzungen 12 und 13: Visualisierungen mit CATMA

Die zwölfte und dreizehnte Sitzung markieren den Beginn der vierten und letzten Phase des Seminars und widmen sich ausführlich den mit CATMA realisierbaren Visualisierungen sowie ihrem heuristischen und interpretativen Potential.

Die zwölfte Sitzung eröffnet die Lehrperson mit einer Reflexion über geläufige Visualisierungsformen in der klassischen, nicht-digitalen Literaturwissenschaft. Anhand exemplarischer Modelle – darunter Gustav Freytags Pyramidenschema des fünfaktigen Dramas, die Darstellung literarischer Epochen auf einem Zeitstrahl sowie dem hermeneutischen Zirkel – wird herausgearbeitet, dass solche Visualisierungen primär der Normierung literaturwissenschaftlichen Wissens dienen. Zugleich bleibt häufig unklar, welche spezifischen Informationen diesen Darstellungen zugrunde liegen. Neben dieser normierenden Funktion wird jedoch auch ihr Beitrag zur Veranschaulichung übergeordneter, aus literarischen Texten abgeleiteter Strukturen betont.

Im Anschluss erfolgt ein kontextualisierendes Input zu Visualisierungsformen in den computationellen Literaturwissenschaften, beginnend mit Graphs, Maps, Trees: Abstract Models for a Literary History (Moretti 2005) und dem darin erläuterten Konzept des „Distant Reading”. Die Studierenden erhalten einen Überblick über zentrale Visualisierungstypen in der digitalen Literaturwissenschaft, insbesondere Wortfrequenz-Diagramme, Netzwerkvisualisierungen, stilometrische Analysen und sogenannte Literary Maps. Diese werden im Plenum kritisch diskutiert.

In einem abschließenden Fazit werden klassische und computationelle Visualisierungsformen im Seminargespräch und mithilfe eines Tafelbilds vergleichend gegenübergestellt, wobei sowohl deren Potentiale als auch ihre Begrenzungen thematisiert werden. Die Sitzung schließt mit einer strukturierten Feedbackrunde, in der die Studierenden ihre Erfahrungen im Umgang mit CATMA-Visualisierungen aus den Arbeitsgruppen reflektieren. Die Rückmeldungen werden von der Lehrperson dokumentiert und auf einem Whiteboard systematisiert.

Das am Ende der vorangegangenen Sitzung erhobene Feedback wird zu Beginn der 13. Sitzung von der Lehrperson erneut aufgegriffen und präsentiert. Im Mittelpunkt stehen zentrale Aspekte, die bei der Interpretation von Distributionsgraphen zu beachten sind – insbesondere Verteilungsmuster, Frequenz und Intensität sowie die Position der im Graphen abgebildeten Phänomene im Textverlauf. Im Rahmen eines Inputs stellt die Lehrperson einen strukturierten Leitfaden zur Analyse solcher Visualisierungen vor, der diese zentralen Interpretationskategorien bündelt. Anschließend arbeiten die Studierenden erneut in ihren Arbeitsgruppen, um die in ihren Arbeitsgruppen erstellten Graphen unter Anwendung des Leitfadens zu interpretieren. Die Ergebnisse dieser Analysen werden abschließend im Plenum präsentiert und gemeinsam diskutiert.

Für die Vorbereitung auf die Sitzung 14 wird den Studierenden der Text „Computationelle Textanalysen als fünfdimensionales Problem” von Gius (2019) als Lektüre aufgegeben. Auch zu diesem Text ist einen Tag vor der Sitzung ein 3-2-1-Lektüreprotokoll auf Moodle hochzuladen.

Sitzung 14: Reflexion zur computationellen Textanalyse

In der vierzehnten Sitzung wird der Text von Gius (2019) mittels einer Präsentation durch die Lehrperson aufbereitet, wobei eingangs die Frage gestellt wird, warum eine Reflexion über die Komplexität von Forschungsprojekten relevant ist. Die in ihrem Text erläuterten fünf Komplexitätsdimensionen werden anschließend einzeln und mit Beispielen besprochen. In diesem Zusammenhang erfolgt auch ein Rückbezug auf den CRETA-Workflow, der zur Diskussion möglicher Strategien der Qualitätssicherung und Validierung in digitalen Forschungsprozessen dient. Im zweiten Teil der Seminarsitzung arbeiten die Studierenden mit konkreten Forschungsfragen zu Texten von Franz Kafka. Diese sollen sie (1) im Hinblick auf die von Gius beschriebenen Komplexitätsdimensionen kritisch reflektieren und (2) erste Überlegungen zu einem möglichen Analyseansatz formulieren.

Sitzung 15: Seminarabschluss und Besprechung der Prüfungsleistungen

Die abschließende Sitzung beginnt mit einer zusammenfassenden, einen Überblick bietenden Präsentation der zentralen Inhalte, Themenfelder und Ergebnisse des Seminars durch die Lehrperson. Im Anschluss erhalten die Studierenden Gelegenheit, differenziertes Feedback zum Seminarverlauf zu geben. Daran anschließend werden die Prüfungsmodalitäten erneut thematisiert. Insbesondere dient dieser Teil der Sitzung dazu, die von den Teilnehmenden entwickelten Ideen für ihre Prüfungsleistungen im Portfolioformat zu besprechen. Das Portfolio umfasst in Abhängigkeit von den jeweils benötigten Credit Points die während des Semesters bereits erfolgten Einreichungen (Lektüreprotokolle, annotierte Handlungszusammenfassungen), die Präsentation der jeweiligen Arbeitsgruppe und ggf. eine in der vorlesungsfreien Zeit zu erstellende Hausarbeit (die einen Abschnitt der Arbeitsgruppen-Präsentation vertiefend aufarbeitet oder aber einem im thematischen Rahmen des Seminars frei gewählten Thema gewidmet ist).

5 Reflexion

In der Gesamtschau hat sich das zugrunde liegende Lehrkonzept der Veranstaltung als tragfähig und effektiv erwiesen, auch wenn nicht alle ursprünglich formulierten Seminarziele in vollem Umfang erreicht werden konnten. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass auch im studentischen Feedback deutlich wurde, dass die Teilnehmenden substanzielle Einblicke in die computationelle, annotationsgestützte Figurenanalyse gewonnen und entsprechende Kompetenzen aufgebaut haben. Der Aufbau bzw. die Struktur des Seminars erwies sich hingegen als nicht durchgehend zweckmäßig. Im Rückblick wäre eine spätere Platzierung der Präsentationen der Arbeitsgruppe sinnvoll gewesen, gerade angesichts der komplexen ChiA-Annotationsrichtlinien und ihrer arbeitsintensiven Anwendung. Eine Arbeitsgruppen-interne Diskussion über strittige Annotationsentscheidungen war auf Nachfrage in zwei der drei Gruppen aus Zeitgründen nicht möglich. Entsprechend wäre es sinnvoll, die Diskussion von Annotationsentscheidungen in zukünftigen Annotationsseminaren im Rahmen einer Sitzung einzuplanen. Schließlich hat die zum Teil schwankende Anwesenheit der Studierenden dazu geführt, dass nicht immer auf gemeinsames Vorwissen bzw. vorhergehende Diskussionen aufgebaut werden konnte. Gleichzeitig hat die wöchentliche Abgabe von Leseprotokollen oder Annotationsaufgaben für eine deutlich bessere Kontinuität gesorgt, als sie in vergleichbaren Seminaren zu beobachten ist. Die anfänglichen Bedenken bei der Konzeption der Lehrveranstaltung hinsichtlich eines möglicherweise zu umfangreichen Seminarkorpus haben sich im Verlauf der Lehrveranstaltung hingegen nicht bestätigt. Vielmehr wurde die intensive Auseinandersetzung mit sechs, teils umfangreicheren, literarischen Texten von Franz Kafka von den Studierenden durchweg als gewinnbringend und produktiv bewertet.

Das entwickelte Seminarkonzept bietet darüber hinaus ein hohes Maß an Nachnutzbarkeit, da seine Struktur und Materialien auf andere Korpora übertragbar sind. Insbesondere die Verbindung von theoretisch-narratologischer Einführung, Annotationstraining und computergestützter Auswertung kann als modellhafte Grundlage für ähnliche Lehrformate dienen. Insgesamt erscheint den Lehrenden das Seminarkonzept geeignet, um die intensive Auseinandersetzung mit literarischen Texten zu fördern und den Studierenden Einblicke in die Textannotation sowie deren Visualisierung und Automatisierung zu ermöglichen und sie zu befähigen, die jeweiligen Verfahren in Bezug auf deren Produktivität für den Umgang mit literarischen Texten zu reflektieren.

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Notes

  1. Die Annotationsrichtlinien sind derzeit noch unveröffentlicht, können bei Bedarf jedoch bei den Autor*innen dieses Beitrags angefragt werden. [^]
  2. Die Annotationsrichtlinien sind derzeit noch unveröffentlicht, können bei Bedarf jedoch bei den Autor*innen dieses Beitrags angefragt werden. [^]